Niederlande der Top-Favorit vor Beginn der Baseball-EM

Stuttgart (wue). Am Freitag beginnt in Stuttgart, Heidenheim und Neuenburg die 31. Baseballeuropameisterschaft. Zum insgesamt vierten Mal nach 1957, 1969 und 2001 wird das Turnier in Deutschland ausgetragen. Top-Favorit und Titelverteidiger ist der 20-malige Gewinner Niederlande, der auch die letzten fünf Auflagen für sich entscheiden konnte. Insgesamt zwölf Teams werden am Start sein, darunter auch Gastgeber Deutschland, der zuletzt zweimal den vierten Platz belegen konnte.

Der Top-Favorit Niederlande

Der Kampf um den Turniersieg bei der Baseball-EM 2010 verspricht wenig Spannung. Denn alles andere als Platz eins für Rekordsieger Niederlande wäre eine große Überraschung. Bisher trat Team Oranje 27 Mal bei Europameisterschaften an, 20 Mal siegten sie, 7 Mal wurden sie von Italien auf Platz zwei verdrängt. Nur ein einziges Mal, 2001 in Bonn als sie in der Vorrunde mit 3:4 gegen Russland verloren, mussten sie gegen ein anderes Team als Italien eine Niederlage einstecken.

Und auch bei den anstehenden Titelkämpfen ist nichts anderes als ein dominantes holländisches Team zu erwarten. Zumal die Vorbereitung auf Stuttgart, Heidenheim und Neuenburg nicht besser verlaufen hätte können. Im heimischen Haarlem konnten sie bei der traditionell alle zwei Jahre stattfindenden Honkbalweek sieben der acht Spiele gegen Teams aus Kuba, den USA, Japan und Taiwan gewinnen, unter anderem auch mit 10:0 gegen Rekordweltmeister Kuba.

Wie es der Favoritenstatus auch erahnen lässt, sind die Niederlande in fast allen Mannschaftsteilen gleich gut und besser besetzt als der Rest des Feldes. Die Starting Pitcher Leon Boyd, Diegomar Markwell, Rob Cordemans, David Bergman und Kevin Heijstek werden schon zu Beginn der Spiele dafür sorgen, dass die gegnerischen Offensivreihen nicht ins Spiel finden werden. Die eigene Run-Maschine wird vor allem von Ex-MLB-Profi Eugene Kingsale, Catcher Sidney de Jong, den Outfieldern Bryan Engelhardt und Danny Rombley sowie Jungstar Dwayne Kemp angeführt.

Wenn man eine Schwäche beim Titelverteidiger ausmachen kann, dann vielleicht bei den Pitchern der zweiten Garde. Denn Michiel van Kampen, Berry van Driel, Arshwin Asjes und Gregory Gustina haben ab und an schon einmal eine Führung aus der Hand gegeben. Die Fäden zieht im Hintergrund der Amerikaner Jim Stoeckel, der im Winter bereits zum dritten Mal die Geschicke übernommen hatte. 1981 reichte es zum EM-Titel, Anfang der 1990er Jahre musste er sich zweimal mit Rang zwei begnügen.

Der Kampf um Platz zwei und drei

Hinter den Niederlanden kann man hingegen einen spannenden Kampf um Platz zwei und drei erwarten. Mit Italien, Spanien und Deutschland sind drei Teams favorisiert, aber auch Tschechien, Großbritannien und Frankreich rechnen sich Chancen aus, in das Rennen mit eingreifen zu können.

Nach Abschluss der Vorbereitung muss man sagen, dass Italien leicht die Nase vorn haben dürfte. Der achtmalige EM-Gewinner, zwischen 1975 und 1997 das einzige Team, das regelmäßig den Niederländern ein Schnippchen schlagen konnte, präsentierte sich in ausgezeichneter Form und möchte die schlechten Ergebnisse bei der EM 2007 und WM 2009 vergessen machen. Und das obwohl wichtige Leistungsträger wie Kapitän Davide Dallospedale und Leonardo Zileri fehlen werden.

Vor allem in der Offensive braucht sich das Team von Manager Marco Mazzieri nicht hinter den Niederlanden verstecken. Tony Granato, Juan Carlos Infante, Giuseppe Mazzanti, Mario Chiarini und Laidel Chapelli gehören in Europa zu den besten Schlagleuten. Hinter dem Pitching gibt es ein paar Fragezeichen. Dennoch konnten sie es sich leisten auf einen der besten Werfer in der italienischen Liga, Sandy Patrone, zu verzichten. Nun kommt es vor allem auf Tiago Da Silva, Riccardo De Santis, Carlos Richetti und Chris Cooper an.

Allerdings dürfen sie sich nicht in Sicherheit wiegen und schon von einer Finalteilnahme träumen. Vor allem Deutschland mit dem Heimvorteil im Rücken und die bei der letztjährigen WM in Europa so auftrumpfenden Spanier möchten der Squadra Azzurra ein Schnippchen schlagen. Beim Gastgeber fehlte in den letzten Jahren etwas die Konstanz bei den großen Turnieren. Gute Ergebnisse wie Platz zwei bei der World Baseball Challenge wurden vom unglücklichen Ausscheiden nach der Vorrunde bei der WM 2009 abgelöst. Dennoch befinden sich die Nationalspieler in der Blütezeit ihrer Karriere. Enorbel Marquez-Ramirez, Andre Hughes und Tim Henkenjohann können an einem guten Tag jeden Gegner schlagen. In der Offensive brauchen sich Ludwig Glaser, Simon Gühring, Dominik Wulf und Sascha Lutz nicht vor den großen Namen verstecken.

Der lachende Dritte könnte aber auch Spanien werden, bzw. sie wollen lieber ins Finale. Denn die Bronzemedaille konnten die Iberer schon zwölfmal mit nach Hause nehmen. Schon oft waren sie „the best of the rest“. Europas Trainer des Jahres, der Italiener Mauro Mazzotti, hatte im Vorjahr großen Anteil daran, dass sie bei der WM nicht nur die zweite Runde erreichten, sondern auch dem einen oder anderen großen Favoriten ein Bein stellen konnten. Doch die Leistungsträger wie Eric Gonzalez und die Figueroa-Brüder fehlen dieses Mal, so dass es auf eine Auswahl der drei großen spanischen Teams Puerto Cruz, Sant Boi und Barcelona sowie eine Reihe von Italien-Legionären ankommen wird. Dank karibischer und südamerikanischer Wurzeln gehören Remigio Leal, Dewis Navarro, Richard Montiel und Co. zum erweiterten Favoritenkreis.

Die Außenseiter

Um einen Platz unter den Top sechs kämpfen auch der Silbermedaillengewinner von Barcelona, Großbritannien, Frankreich sowie Tschechien. Bei den Briten verlief die Vorbereitung nicht ganz reibungslos. Erneut gab es finanzielle Probleme und die in den letzten Jahren so erfolgreichen Stephan Rapaglia und Alan Smith traten im Winter zurück und machten einer neuen sportlichen Führung um den Amerikaner Pat Doyle Platz. Die Geldnot sorgte aber auch dafür, dass nicht alle Mitglieder von Team GB, die in Nordamerika, Australien und Mitteleuropa aktiv sind, nach Deutschland reisen können. So wird die Wiederholung von Platz zwei schwierig. Vor allem beim Pitching fehlt es im Vergleich zu den Top vier des Turniers doch an Qualität.

Auch in Frankreich ging es auf Verbandsebene im Winter etwas drunter und drüber. Doch mittlerweile haben sie unter der Führung des ehemaligen Erfolgscoachs Didier Seminet wieder ruhigere Fahrwasser erreicht und eine gute Vorbereitung absolvieren können. Sie sind immer ein Kandidat für die Top fünf. Zu mehr reichte es mit Ausnahme von Platz drei bei der EM 1999 bisher nicht. Unterschätzen sollte man das Team um Ex-Profi Joris Bert, die Catcher Boris Marche und David Gauthier sowie die Outfielder Gaspard Fessy und Kenji Hagiwara aber nicht. Vor allem in der Vorrunde, wo sie vier der fünf Spiele in Neuenburg austragen werden, dürfen sie auf kräftige Unterstützung der französischen Fans bauen.

Tschechiens Jugendarbeit ist vorbildhaft in Europa. Prag und Brünn sind kleine Baseball-Zentren, die mit einer Dichte an Vereinen glänzen, die ansonsten auf dem alten Kontinent nur in den Niederlanden und in Italien zu finden ist. Doch obwohl die Nachwuchsmannschaften stellenweise einen Titel nach dem anderen abräumen, hat es bei den Senioren dazu noch nicht gereicht. Ohne Leos Kubat oder Boris Bokaj zu nahe treten zu wollen, es fehlen einfach die ein, zwei Top-Pitcher, die auch die favorisierten Teams einmal bezwingen können. Damit dürfte es einmal mehr zwar zur Finalrunde reichen, eine Medaille ist nicht drin.

Die Underdogs

Für die fünf restlichen Teams Schweden, Kroatien, Griechenland, Ukraine und Belgien wird es schwer werden, den Favoriten ein Bein zu stellen. Der Nichtabstieg und damit das Vermeiden der unberechenbaren Qualifikationsmühle im nächsten Jahr ist das Hauptziel für die Underdogs bei der EM.

Schweden und Belgien gehören zu den Traditionsteams bei Baseballeuropameisterschaften. Bei den „Tre Kronors“ stimmt das Umfeld wie bei kaum einem anderen Team in den letzten Jahren. Doch bisher konnten sie es noch nicht auf dem Spielfeld umsetzen. Bei der WM 2009 und auch in der EM-Vorbereitung verloren sie aber doch relativ sang- und klanglos. Vor allem der mit US-Erfahrung ausgestattete Adam Sorgi, Tony Dermendziev und Italien-Legionär Peter Johannessen sollen es in der Offensive richten. Der aus der deutschen Baseball-Bundesliga bekannte Joakim Claesson führt die Werfer-Riege an.

Belgien gehört zu den etablierten Baseballnationen in Europa. Sie sind neben den Niederlanden, Italien und Spanien das vierte Land, was überhaupt einmal eine EM gewinnen konnte. Doch seit den 1990er Jahren haben sie den Anschluss an die Podiumsplätze verloren und stiegen schließlich ab. Nun sind sie zurück im A-Pool müssen aber auf einige nach Karriereende fehlende Schlüsselspieler wie Filip van der Meiren verzichten. Dafür haben sie mit dem eingebürgerten Pitcher Terence Antonacci einen Spieler in ihren Reihen, der selbst bei den Niederländern im Vorfeld für Kopfschmerzen sorgen wird. Für die nötigen Runs sollen Benjamin Dille, Steven De Lannoy und Randy Giorgiadis sorgen.

Griechenland ist bei der dritten EM-Teilnahme die große Unbekannte. 2003 überraschten sie Baseballeuropa, als sie im Vorfeld der Olympischen Spiele 2004 in Athen eine mit ehemaligen und zukünftigen US-Profis gespickte Auswahl ins Rennen schickten und als Debütant bis ins Finale vorstießen. 2005 rutschten sie in den Tabellenkeller ab und konnten sich erst für die EM 2010 wieder für eine EM qualifizieren. Immer noch führen Ex-MLB‘ler Erik Pappas und der in über 1.000 Profispielen aktive Chris Demetral die Auswahl an. Doch ihre beste Zeit haben sie schon hinter sich.

Kroatien ist noch nicht so lange auf der Baseballlandkarte in Europa. Das Team platzierte sich bei den bisherigen fünf Teilnahmen zumeist auf den hinteren Rängen. Mit Ausnahme der WM im letzten September, als die Altstars noch einmal ran durften, befindet sich das Team im Umbruch und die EM dürfte für die jungen Spieler noch etwas zu früh kommen, um für Furore sorgen zu können. Mit den eingebürgerten Pitchern Jimmy Summers, Michael Lennox und Ernesto Pereira sowie Infielder Jason Pospishil und Kroatiens Star Bobo Gales haben sie auch Spieler im Team, die wissen wie es geht und für die eine oder andere Überraschung sorgen können.

Auch die Ukraine reist mit einer Mischung aus Routiniers und jungen Talenten an. Deren Spieler sind in Baseballeuropa nur teilweise ein Begriff. Dementsprechend schwer ist es, sie einzuschätzen. Einige Experten trauen ihnen durchaus eine Überraschung zu, doch gerade in der schweren Gruppe A dürfte es nicht einfach werden. Manager Oleg Boyko setzt in der Offensive und Defensive vor allem auf Dmitri Nelipa, Ruslan Deykun, Denys Agapov und Andrew Kubalskyy. Bei den Pitchern soll es der erst 19-jährige Dmytro Limarenko richten. Mit Alex Trofimenko fehlt aber der wohl stärkste Pitcher.

Keine Profis, aber ein Hauch MLB bei den Coaches

Aufgrund der noch laufenden Saison in den US-Ligen, werden bei der Baseball-EM 2010 keine Profis teilnehmen. Durch die Bank erhielten die wohl besten Spieler aus Europa von den MLB-Clubs keine Freigabe. Vor allem die kleineren Baseballnationen rechnen sich dadurch einen kleinen Vorteil und die Chance auf die eine oder andere Überraschung aus, schließlich fehlen bei ihnen weniger Spieler als bei den Favoriten. Im Großen und Ganzen sollte es aber keine großen Auswirkungen auf den Endstand haben.

Während somit die Star-Power in den Teams ein wenig fehlt, gibt es diese aber in den Dugouts. So sind gleich drei ehemalige MLB-Profis als Manager und Coaches in der Verantwortung. Der Bekannteste ist dabei zweifelsohne Mike Piazza. Während seiner aktiven Zeit bei den Los Angeles Dodgers und New York Mets einer der offensivstärksten Catcher in der Geschichte des Baseballs, wird er wieder die Funktion des Hitting Coachs bei den Italienern übernehmen. Zudem stehen zwei MLB-erfahrene Pitcher hinter der Bande. Schwedens Headcoach Dennis Cook war bei den Mets sogar Teamkollege von Piazza. Bei Tschechien ist der ehemalige Seattle Mariner Greg McCarthy für die Pitcher verantwortlich.

Schlüssel zum Erfolg

Im europäischen Baseball wird die Spitze immer breiter und der Abstand zwischen den großen Nationen und den sogenannten kleinen immer geringer. Wie erst beim Europacup gesehen, als der Belgier Terence Antonacci den großen Favoriten Neptunus Rotterdam bezwang, können die Underdogs an einem guten Tag mit ihrem besten Pitcher jedes Team schlagen. Doch in der Breite gibt es doch noch erhebliche Unterschiede. So verfügen die Top-Teams wie die Niederlande und Italien über vier, fünf nahezu gleichstarke Starting Pitcher, während die anderen zumeist nur über ein, zwei gute verfügen und danach es etwas abfällt. Und gerade beim EM-Format kann dies über Final- oder Abstiegsrunde entscheiden.

Fazit

Angesichts der zuletzt gezeigten Form ist es nur schwer zu glauben, dass ein anderes Team als die Niederlande den Titel holen wird. Doch auch wenn auf dem Papier alles darauf hindeutet, so müssen die neun Spiele à neun Innings immer noch gespielt werden. Vor allem Italien, Spanien und Deutschland hoffen doch auch ein Wörtchen um die Vergabe mitreden zu können. Kandidaten für die Finalrunde sind zudem Frankreich, Tschechien und Großbritannien. Für Schweden, Kroatien, Belgien, Griechenland und die Ukraine wird es schwer. Ohne ein Straucheln der favorisierenden Teams dürften sie keine Chance haben.

Foto: Ezio Ratti/FIBS

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